Fußballweltmeisterschaft und Public Viewing – seit 2006 ein scheinbar unzertrennbares Paar. Sonne, Kaltgetränke, Jubelrufe. Das alles – passt so gar nicht zur WM der Herren, die nun vor uns liegt. Ein Event im Winter der nördlichen Hemisphäre, in der Wüste, in einem Staat, den man nicht in erster Linie mit Fußball in Verbindung bringt.
Nein, leider bringt man Katar in den letzten Monaten und Jahren immer wieder mit Menschenrechtsverletzungen, moderner Sklaverei und klimatisierten Stadien in Verbindung. Die Bedingungen für Arbeiter*innen werden geprägt von engen Unterkünften, einem Mangel an Lebensmitteln und Wasser sowie wenig bis gar keinen Lohn. Unglücke auf Baustellen führten zu 15.000 nicht-katarischen Toten seit der WM-Vergabe. Hinzu kommt das Kafala-System, ein System der Vormundschaft über Gastarbeiter, welches zwar seit 2015 abgeschafft sein soll, aber nachweislich immer noch Anwendung findet.
Auch außerhalb der direkten WM-Vorbereitungen gibt es Kritik an Katar: Katarische Frauen leben in der Regel vollverschleiert und müssen die Erlaubnis eines männlichen Vormunds einholen, um heiraten oder im Ausland studieren zu dürfen. Homosexualität wird als „geistige Störung“ bezeichnet, wie kürzlich in einem Interview im ZDF gezeigt. Von Gleichberechtigung ist man weit entfernt.
Und die Klimabilanz einer WM in einem Land ohne Fußballkultur? Sechs Fußballstadien wurden unter gigantischem Ressourcenverbrauch neu gebaut, zwei weitere renoviert. Sieben von acht Stadien sind klimatisiert. Aufgrund von fehlenden Hotelbetten wird mit über 3.500 Pendelflügen in die Nachbarstaaten gerechnet.
Nicht zuletzt das Vergabe-Verfahren erschwert das freudige Mitfiebern bei der WM. Die oft vorgeworfene Korruption wird zwar von der FIFA abgewiesen. Fifa-Chef Infantini jedoch wohnt inzwischen in Katar. Dennoch muss jedem Kritiker der katarischen WM klar sein – ohne deutsche und europäische Fußball-Funktionäre, die der katarischen Lobbyarbeit sehr zugeneigt waren, wäre die WM niemals nach Katar gekommen und ihr Image wäre im Vorhinein auch nicht derart verteidigt worden.
Kann man trotz aller genannten Punkte dennoch etwas Gutes an der WM in Katar finden, kann man den Spielern dennoch beim Public Viewing zujubeln? Die Meinungen sind geteilt. Schon bei der WM in Südafrika konnte die Erfahrung gemacht werden, dass die Stadien unter schwierigen Bedingungen gebaut wurden. Dennoch hat das Land in Sachen Infrastruktur, Tourismus und Ansehen profitiert. Auch in Katar gibt es erste, kleine Fortschritte: so wurde ein Mindestlohn für die Arbeiter*innen eingeführt. Für den Betrieb der Klimaanlagen in den Stadien soll das größte Freiflächen-PV-Feld der Welt gebaut und Ende 2022 fertiggestellt werden. Zudem wurde der Frauenfußball kurzzeitig gefördert.
Der internationale Fokus und Druck auf Katar hätte früher stärker sein müssen, um wirklich etwas zu verändern. Am Ende müssen wir festhalten, dass wir für zukünftige Meisterschaften und auch für weitere Kooperationen mit dem Land daraus lernen müssen. Dafür ist es wichtig, stärker mit Vergabe-Bedingungen zu arbeiten. Zudem muss der Druck aus der Bevölkerung hochgehalten werden. Dementsprechend ist es unerlässlich, dass Fußball-Fans nicht nur über die Spiele, sondern auch über die Hintergründe sprechen. Dem einzelnen Fußball-Fan sowie der Gastronomie in Hattingen bleibt es selbst überlassen, bei diesem kontroversen Thema Haltung zu zeigen und sich im Klaren darüber zu sein, was hinter den Torjubel-Bildern steckt.
Bündnis 90 / Die Grünen OV Hattingen
Alexandra Weber
Quellen
https://www.br.de/nachrichten/wissen/faktenfuchs-ja-wm-stadien-in-katar-werden-klimatisiert,TEJXygT
https://www.tagesschau.de/inland/faq-katar-101.html
https://www.sportschau.de/fussball/fifa-wm-2022/katar-wm-der-schande-die-vergabe-100.html
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